Archive for März 2010

15. März 2010

Mitleidspolitik

Ohne Ausnahme gilt für die menschliche Gattung insgesamt, dass jeder von uns innerlich gefestigt und stark genug ist, das Elend und den Tod aller anderen mit moralischer Größe klaglos hinzunehmen.

Mieter

wohnen nicht in Häusern, sondern in Kapitalanlagen.

Ein Mieter, der gleichwohl glaubt, er wohne in einem Haus, steht auf der selben geistigen Entwicklungsstufe, die ein imitierendes „Ticktack“ als vollgültigen Ersatz für den Begriff „Zeitmesser“ ansieht.

Mitleid

Das Mitleid sitzt Abend für Abend vor dem Fernseher und verströmt sich in profuser Erfüllung. In dieser Welt ohne alle Empathie möchte es ohne das köstliche Nass auf den Wangen nicht leben.

Als das Mitleid noch auf sich selbst und seine Mitwelt angewiesen war, ging es ihm gar nicht gut. Die meisten Leute sterben ums Verrecken nicht, wenn einem danach ist.

Man kommt eben in diesem Leben als der bessere der besten Menschen einfach nicht auf seine Kosten, selbst wenn man in die endgültigen Verlusterlebnisse Millionen solcher Menschen einbezieht, die das eigentlich gar nicht verdienen.

Mode

Die Frau, die bei gut gefülltem Kleiderschrank „nichts anzuziehen“ hat, wurde von der Ahnung beschlichen, dass nichts von all dem da sie wieder wird sichtbar machen.

Mythomanie

Die krankhafte Sucht, an seine permanent entgleisende Wortproduktion auch noch zu glauben, weil man selbst es ist, der sie in die Welt setzt.

Siehe > Politiker

Nächstenliebe

ist, wenn der Heilige Martin an einem bitterkalten Wintertag seinen Mantel mit einem nackten Bettler teilt, und jetzt beide frieren.

Nachfrage

Gibt es volkswirtschaftlich nur dort , wo auch die Mittel ihrer Befriedigung kursieren. So kommt es, dass in den notorischen Hungerdistrikten dieses Globus keine Nachfrage herrscht.

Nachhaltig , adj.

Ursprünglich „dauerhaft werterhaltend und umweltgerecht“.

Heute ein summum bonum, das immer dann verkauft wird, wenn einer für dumm, aber wertbewußt verkauft werden soll.

Bei „nachhaltiger Unterstützung für Bahreins Fußball“ oder „nachhaltigen Kapitalanlagen“ könnte man es doch vielleicht lieber beim ebenso schönen „zukunftsinvestiv“ belassen.

Erst bei den „nachhaltigen Reformen“ sollten aber doch nachhaltige Zweifel aufkommen, ob diese nachhaltig begeisterten Reformisten tatsächlich so etwas Nachhaltiges wie eine Revolution ausrufen wollen.

Naivität

Der wilde Entschluss, sich dümmer zu stellen als die anderen Tröpfe in der törichten Hoffnung, vom polierten Geschmeiss als urbanes Geschleif anerkannt zu werden.

Schau dich um, nichts als die Kieselöden trockengefallener Flüsse!

National, adj.

Als am selben Nabelstrangbaum hangend gedacht; als bloße natürliche In – die – Welt- Geschmissenheit höchster Wertschätzung bedürftig.

Kommt aber nur als „-istisch“ bei anderen Blutsbrüderschaften vor, während der gesetzte Demokrat patriotisch ist.

Nationalanarchismus

Die Vorstellung, man sei in seinem ethnischen Drange so frei, sich seine gewachsenen Bindungen an die Scholle frei wählen zu müssen, damit man eine Identität hätte, und zwar mit den anderen Leuten auf dem selben Stück Dreck unter unseren Füßen.

Nationalismus

Hier gibt’s einfach zu viele Deutsche und zu wenige wie mich.

Naturalia non sunt turpia

Es ist schlimmer.

Wer sich seiner Bedürfnisse schämt, der setzt den gnadenlosen Belagerer auch noch eigenhändig ins Recht.

Naturkatastrophen

– 15 000 Tote durch Wirbelsturm in Birma,

– mehr als 20 000 Tote durch Erdbeben in China,

– 60 Jahre Israel.

Hier steht übrigens nicht, dass ich für die Palästinenser und gegen die Israelis bin.

Neidkunde

Der epidemische Gerechtigkeitswahn diktiert, dass alle so wenig haben sollen wie ich.

Das glaubt mir natürlich wieder keiner.

Macht doch die Gegenprobe!

Andersherum, c´ est la révolution!

Nonkonformismus

Es gibt unangepasste Danebengeratene, die es mit ihrem Nonkonformismus einfach zu weit treiben.

Wenn alle anderen es immerzu ganz anders machen, verzeihen sie denen sogar.

Liberalismus

14. März 2010

Ein als Kür verkaufter Reflex der Patellarsehne, ganz gleich wer drauf haut.

 Meinungen

Selbstbewusste Äußerungen im Bewusstsein ihrer Gerechtfertigtheit.

Deswegen sind sie samt und sonders bloß Ihrungen und Wirungen.

 

Mensch, der

Die Einzahl von den Leuten wie sie so rumlaufen.

Eine davon getrennt zu haltende, quasi mythische Bedeutung ist die Verwendung „des Menschen“ als Singular von Menschheit.

Wurde bislang nur in Büchern gesichtet.

Landkarten ohne Gelände

Mit der Spiritualität ist es wie mit Werbesprüchen: sie beziehen sich auf Sachen, die es gibt, und Abnahme finden sollen.

Man erkennt die Angebote allerdings nur mit viel Aufwand an Phantasie in der Repräsentation wieder.

Genau so ist es mit der repräsentativen Demokratie.

Lebens-Unkunst

Es gibt immer im Abseits sichere Orte, die leer vom Zugriff der Macht sind.

Obwohl die institutionelle Umklammerung des Lebens also teilweise Schein ist, votiere ich lieber für ein Leben ohne Schein.

Marginalien XXV

14. März 2010

Manipulation

Ist der Versuch, an Wille und Bewusstsein eines anderen vorbei, ihn zu Handlungsdispositionen aufzustacheln.

Das Ideal davon gibt es sicherlich.

Solche Umschulungsversuche kann man ganz schnell an seiner Erziehung scheitern machen.

Maskenspiel

Das Leben ist genau so lange ein Rollenspiel wie es Leute gibt, die ihre Domestiken auf die Bühne schicken können.

Materialismus

Entweder man durchdenkt Materien nach ihren Gesetzen oder man hält sich eine Weltanschauung dieses Namens.

Die dritte Verwendungsweise, nämlich im beliebten Vorwurf von Halbwüchsigen gegen die Lebensweise ihre Eltern, zeugt nur von der Ahnungslosigkeit der Adoleszenz.

Medium

„Warum muß der Gerechte so viel leiden auf Erden? Warum muß Talent und Ehrlichkeit zugrunde gehen, während der schwadronierende Hanswurst sich räkelt auf Pfühlen des Glücks und fast stinkt vor Wohlbehagen?“

– Heinrich Heine –

Eigentlich kein großes Rätsel.

Ein hohler Darm gibt eben einen hervorragenden Resonanzboden für His Masters Voice ab.

[ck]

Marginalien XXIV

13. März 2010

Langeweile

Ein leerer Geist ist vollgestopft mit sich selbst.

Leben

Am Leben ist nichts heilig.

Man kann es aber heiligen, indem man es widmet. Z.B. dem Hass.

Das dazugehörige Opfer wird sich bei der Steinigung des Hassers ganz von selbst einstellen.

Lehrer

sehen sich gern als die entscheidende Kraft beim Aufbau einer Zivilisation. Einverstanden, denn Zivilisation ist jene Hybridisierung von Grausamkeit und schwachsinniger Ungeschicklichkeit, von der kein Lehrer sich was träumen lässt.

Leitgebildet

Das Bildungsniveau der Leute ist dermaßen hoch, dass sie sich nicht mehr wirklich ernst nehmen.

Wie sollten sie da einander ernst nehmen?

Lucifer

Von Anfang an war die Licht in eine Sache bringende geistige Anstrengung in kirchlichen Kreisen unbeliebt.

Das mag heute offene Türen einrennen.

Daher deutlicher:

Hinter den Dingen eine intelligente, zwecksetzende Instanz zu lehren, missbraucht die Kategorie des Zwecks ausgerechnet da, wo es überhaupt nichts zu erklären gibt.

[ck]

Marginalien XXIII

12. März 2010

Unfruchtbarkeit der Kopfgeburten

Der Gedanke ist ein illegitimer Bastard aus der liebenden Vereinigung von Welt und Kopf. (So ähnlich bei K. Kraus)

Legitim ist in der weltweiten Kleinbürgerei die zölibatär zustandegekommene  Meinung.

Koprophagie

Hunde fressen Scheiße. Die müssen das, weil ihr Verdauungssystem das braucht, was im Haufen drin ist.

Wenn ich gegen den bürgerlichen Scheißhaufen und seine Anhänger meine „Überlegt´ s euch, Leute“ losschicke, heißt das nicht, dass ich mich davon ausgenommen wüsste.

Bloß das unüberwindliche Hindernis meiner Identifikationsschwäche, der krude Fakt, dass mir das einfach nicht schmecken will, unterscheidet mich von den *+*++***.

Kritikaster

Kaum haben sie ihn in die Schmollecke gestellt, heißen sie ihn auch schon einen Störenfried.

Klassenkampfepisoden

Angesichts der besonders widrigen Umstände, sein Leben dem Erdboden entreißen zu müssen, gewährte König Dinis von Portugal im 13. Jhdt. den im rauhen Alto Minho Ansässigen besondere Privilegien.

Dazu gehörte, dass er dem Adel verbot, dort länger zu verweilen „als ein auf eine Lanze gespießtes Brot braucht, um abzukühlen“, es sei denn, die Herren Adeligen kämen in seiner Gegenwart.

Es ist schwer, sich in Zeiten des Neofeudalismus eine Merkel vorzustellen, die mit ihren Adeligen ausreitet, um ihnen zu verbieten, was die vorhaben.

[ck]

Marginalien XXII

11. März 2010

Kognitive Dissonanz

Perlen, unter die Säue geworfen, zeitigen keineswegs bessere Koteletts.

Kompromiss

Jedes Interesse bedarf zu seiner Realisierung der ihm gegenüber geltend gemachten Gewalt.

Gewaltlosigkeit würde ihn als Albernheit kompromittieren.

Die Hochschätzung eines angeblich gewaltfrei, „auf Augenhöhe“ zu Stande gekommenen Kompromisses hat sich in die Spiegelfechterei verliebt.

Konkurrenz

Ein Leben lang werden sie gnadenlos an den Ansprüchen ihrer Anwender gemessen.

Das legen sie sich als Herausforderungen aus, also als eine freiwillig auf sich genommene Bewährungsprobenkette, die sie sich dann auch gut sichtbar um den Hals hängen.

Die Psychologie des Abhängigen ist ja so was von öde.

Konsensgesellschaft

Beim Konsens liegt eine festgestellte Übereinstimmung der Zwecke oder Interessen vor.

Nicht so bei der Schicksalsgemeinschaft, die heute zur Konsensgesellschaft aufgemöbelt wird. In ihr hat man von seinen Differenzen gefälligst abzusehen und seine tatsächlichen Interessen der Vorschrift unterzuordnen, nicht uneinig zu sein. In diesem Sinne äußerte sich ein Musterdemokrat namens John. F. Kennedy

Frage nicht was Dein Staat für Dich tun kann,

frage lieber was Du für Deinen Staat tun kannst.“

Der normale Verstandesgebrauch wird sich schwer tun, eine Differenz zum Credo des Faschismus (Du bist nichts, dein…. ist alles) herbeizubeten.

Was nicht heißt, dass es keinen gibt. Aber wer lässt sich schon gern einen selbstbewussten Untertan schimpfen?

Konservatismus

Der eigenen Einsicht zu misstrauen, ist das Einfallstor überpersönlicher Mächte.

[ck]

Marginalien XXI

10. März 2010

Kritiker

Und überhaupt sollen diese ewigen Nörgler erst mal die von der letzten Ordnungsstiftung noch übrigen Reste von Gedärm und verspritztem Gehirn vor ihrer Haustüre abwaschen, bevor sie sich wieder ihrer geistigen Onanie hingeben!

Kritische Menschen

Wenn so um die 5 Millionen Bundesbürger von einem robusten Arbeitsmarkt vom Arbeitsmann zum Leistungsbezieher befördert werden, dann kann man journalistisch Menschlichkeit für die Opfer einfordern, oder sich mit den leistungstragenden Schöpfern von Leistungsbeziehern anlegen.

Option 1

ähnelt aber sehr der nicht so ganz kompetenten Übernahme des Seelsorgerstandpunkts, während auch, und erst recht,

Option 2

von meiner Mutter seit des seligen Adolfs Zeiten konsequent verworfen wird.

Ich fürchte, meine Mutter steht auch mit ihrer

Option 3,

nämlich in der Frage der selbstverschuldeten, unnützen Fresser, denen es viel zu gut geht, nicht allein da. Ihr „hat nämlich auch keiner was geschenkt…!“

Von dieser Mentalität wird also Tag für Tag die Welt auf den Prüfstand gestellt, ob sie denn Talent zur Anständigkeit habe, also von 1 bis 3 an den Leuten herumgenörgelt.

Und zwar vom allzeit standhaft moralischen Standpunkt ihrer Herren aus.

Es gäbe eine ungeläufige,

4. Sorte Kritik,

die darauf hinwiese, dass nicht trotz der erfolgreichen Bereinigung von Verwertungshindernissen auf dem Kapitalsektor, merkwürdigerweise die Arbeitslosenzahl zugenommen habe und zunehmen werde, sondern schlicht

WEGEN.

[ck]

Marginalien XX

9. März 2010

Referendum

Der isländische Wähler lehnt es mit der Mehrheit von 93% ab, die Schulden des Kapitals und seiner Regierung zu bezahlen.

Sein Parlament hatte extrem gegenteilig entschieden.

Damit es nicht zu solchen genierlichen Klarstellungen darüber kommt, wie der Wille des Demos tatsächlich ausschaut, darf er in manch einer real existierenden Demokratie erst gar nicht in den Spiegel eines Referendums schauen.

Für die Erkenntnis, dass auf die Berufungsinstanz „Wille des Volkes“ gründlich geschissen ist, sind schließlich die Meinungsumfragen da.

Interessenvertreter

Wie die erste Hälfte des Worts schon sagt: beim Interesse steckt man bis über beide Ohren mittendrin im Schlamassel.

Das Interesse des Vertreters hingegen sei eines, das ohne eigenes Interesse hausieren gehe, mit den Interessen seines Auftraggebers nämlich, die ja wohl erst mal auf dem Spiel stehen.

Und dennoch grassiert der Glaube, dass diese Handlungsreisenden nicht Münchhausen heißen!

Job-Center

bietet moralisch einwandfreien Lebensersatz, wenn es keine rechtlichen Hindernisse entdeckt und damit herausrückt.

Illiterate, der

Der des Lesens Unkundige liest als gut geschulter Analphabet nicht wirklich. Er schaut bloß eben mal nach, ob da auch steht, was da stehen sollte.

Gehorsame Gedanken

Einen gehorsamen Gedanken erkennt man daran, dass der Hörer ihn schon kennt, bevor er überhaupt bis zu Ende vorgetragen ist.

[ck]

Marginalien XIX

8. März 2010

Implementieren

Seit sich die Bundeswehr am fernen Hindukush auch militärisch engagiert, ist das früher so oft von windigen Literaten missbrauchte Engagement für die armen Unterdrückten erstmals in den richtigen Händen implementiert.

Independence Day

Alle Menschen sind gleich geschaffen.“ Außer den Indianern und anderen Niggern seit 1776.

Vielleicht ist das Reden ja wirklich nicht fürs Reden gemacht.

Intellektuelle

Historisch zu Grabe getragene soziale Intelligenz, die aber als Angstgespenst immer noch gute Dienste leistet. Mit ihrem Anspruch auf Wissbares sind sie die totalitären Nachfolger Robespierres, der bekanntlich dem Höchsten Wesen mit der Guillotine huldigte.

Intelligenz

A.: „Das allgemein bestverteilte Gut überhaupt. Da, was nichts kostet nichts ist, wird aber nur im äußersten Notfall davon Gebrauch gemacht.“

B.: „Habe ich dir eigentlich schon meinen neuen Wagen gezeigt?“

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Marginalien XVIII

7. März 2010

Humor

1) Eine subjektive Leistung und Geistesbewegung des Knechts, die an jedwedem ärgerlichen Hindernis des geselligen Welt eine Hinsicht auffindet, die dessen soeben erfundenen Akzeptanzgrad bis zur vergnüglichen Selbstbescherung steigert.

2) Wird gemeinhin nicht an seinem Herrn aufgefunden. Aber da auch gar nicht weiter vermisst, denn siehe unter 1.

Instinktlosigkeit

Ein ganz schlimmer Makel in den Augen von Bestien, die damit das Einzige verloren sehen, das ihnen Führung und Geleit gibt.

Imagination

Bischof Berkeleys Theorie basiert auf dem Glauben, dass alles nur in unserer Vorstellung existiere.

Dass die 35 Millionen Hungertoten pro Jahr nur in der Imagination existieren, ist ja sowieso klar. Andererseits spricht ein solches Datum – ganz ohne eine Überdosis Philosophie – für die unerschütterliche Realität unserer Herzensbildung und der Wirksamkeit des Mitleids.

Was mich zusammenfassend glauben macht, dass das bei weitem Unglaubwürdigste ein Glaube ist.

[ck]